Rehwildalter

Jan 21 02:55 2012  

Beim Reh kann man weniger behaupten, dass Ausnahmen die Regel bestätigen, sondern dass Ausnahmen eigentlich die Regel sind. Häufig sieht man beim Ansprechen des Bockes auch nur gerade jene Altersmerkmale, die man sehen will und die eventuell auf ein höheres Alter hinweisen. Hegt man beim Ansprechen schon Zweifel am Alter des jeweiligen Stückes, passiert es nur selten, dass es dann auch wirklich alt ist.

Die kleinen Unbekannten
Nicht nur das Ansprechen des Rehwildes, sondern auch betreffend die Altersstrukturen innerhalb von Populationen oder die Zuwachsraten geben immer wieder Rätsel auf. Waren beispielsweise Dichten von 35 Rehen / 100 ha im Bergrevier früher unvorstellbar, werden solche Zahlen heute des öfteren genannt.

Ob Unterschiede innerhalb von Populationen oder Untersuchungsgebieten unter anderem auch durch die genetische Vielfalt, welche beim Reh noch vorhanden ist, bedingt sein können, ist noch unklar. Allerdings gibt es kaum eine Wildart, welche eine derartige Bandbreite an Möglichkeiten besitzt, unterschiedlichen Umwelteinflüssen zu trotzen und unter extremen Bedingungen zu überleben. Vermutlich ist nicht nur Zandl Josef in seinen Ausführungen «Aufzeichnungen eines Rehwildjägers» (Anblick 7/2008) ins Grübeln gekommen, als er Zuwachsraten und Wilddichten, welche für Rehwild in der Literatur zu finden sind, verglich. So wird der allgemeine Zuwachs von Populationen mit 60 bis 180% der setzfähigen Geissen oder mit etwa 20 bis 70% der Gesamtpopulation angegeben. Die starke Streuung der Ergebnisse ist vor allem abhängig von den in den jeweiligen Gebieten gegebenen Wilddichten und dem Geschlechterverhältnis, das fast immer zugunsten der Geissen verschoben ist sowie von der Witterung. Je höher die Wilddichte, desto stärker wirken im Allgemeinen verschiedenste Faktoren auf eine Population. Im Normalfall sind die Zuwachsraten bei niederen Wilddichten am höchsten, wobei die Wilddichte aber nicht als absolute Zahl, sondern immer im Zusammenhang mit dem geeigneten Rehwildlebensraum und nicht mit der vorhandenen Gesamtfläche gesehen werden muss. Als Witterungsfaktoren spielen besonders die Bedingungen im Winter (vor allem bei ungefüttertem Rehwild) sowie zur Setzzeit eine Rolle. Auch wenn obige Zahlen die Ergebnisse von Untersuchungen aus verschiedenen Lebensraumtypen darstellen, wird klar, dass allgemeine Zahlen für ein bestimmtes Revier nur schwer abzuleiten sind. Selbst in ein und demselben Gebiet können die Werte stark schwanken. So ging im Rahmen einer gut dokumentierten Wiedereinbürgerung von Rehwild auf der Ostseeinsel Fehmarn der anfänglich jährliche Zuwachs von 80 bis 90% des weiblichen Frühjahresbestandes im Lauf der Jahre stetig zurück und lag nach einem schneereichen Winter zuletzt bei 21%. Und wer weiss tatsächlich, in welchen Flächeneinheiten in nicht isolierten Gebieten gedacht werden muss, um dichteabhängige Faktoren abschätzen zu können, wenn selbst unklar ist, wie viele Rehe exakt in einem Revier vorkommen. Der Einfluss der Fütterung auf das Ansteigen der Wilddichte ist allerdings unbestreitbar. ELLENBERG (1978) berichtet beispielsweise von einem Versuch, bei dem 18 Rehe in einem 15 ha grossen Gatter (rechnerisch wären dies mehr als 100 Rehe / 100 ha) freigesetzt wurden und ganzjährig Zugang zu vier Futterautomaten hatten. Nach zweieinhalb Jahren wurden aufgrund grosser forstlicher Schäden im Rahmen eines beantragten Totalabschusses bereits 38 Stück erlegt und zumindest 7 Stück verblieben im Gatter. Trotz der eigentlich ernorm hohen Wilddichte betrug der Zuwachs im Durchschnitt über zwei Jahre gesehen rund 60% des Gesamtbestandes.

Als grobe Faustregel könnte man in einem Mittelgebirgsrevier von tatsächlich gesetzten Kitzen im Ausmass von rund 55% des Frühjahresbestandes oder etwa 95% der weiblichen Stücke (bei leicht verschobenem GV zugunsten der Geissen) ausgehen. Neben dem Aspekt, dass in diesen Lagen Geissen beim ersten Mal oft nur ein Kitz setzen, sind natürlich der Ausfall unter den Kitzen nach der Setzzeit bzw. Mähverluste und weitere Ausfälle durch Strassenverkehr, Fuchs, Krankheiten usw. zu berücksichtigen, wodurch der nutzbare Zuwachs vermindert wird. Diese Ausfallsrate kann in schlechten Jahren bis zu 75% der Kitze betreffen, dürfte aber im Schnitt in den ersten beiden Monaten bei 20 bis 25% der gesetzten Kitze liegen.

Höchstalter
Ähnlich wie die Zahlen in der Grafik auf der vorhergehenden Seite, welche zugegebenermassen vielleicht mehr Verwirrung als Klarheit bringen, verhält es sich bei den Altersangaben zum Reh. Auch wenn man sich in unseren Breiten mehrheitlich einig ist, dass Rehe mit über 7 Jahren schon alt sind, überraschen doch immer wieder einzelne Literaturangaben. So wird aus Gehegen von Rehen mit über 20 Jahren berichtet und auch aus freier Wildbahn sind markierte Rehe mit über 15 Jahren bekannt. Rehböcke sind erst mit 4 bis 5 Jahren körperlich voll ausgereift, und nach Meinung vieler Autoren zeigen sich erste Anzeichen eines körperlichen Verfalls mit rund 10 Jahren und Altersschwäche setzt mit 12 bis 15 Jahren ein. Inte-ressant dabei ist, dass bei zahlreichen Rehen aber bereits früher ein überaus starker Zahnabschliff stattfindet. Der natürliche Alterstod dürfte wohl mit grösster Wahrscheinlichkeit spätestens mit 15 Jahren eintreten, tatsächlich werden allerdings nur wenige Rehe in freier Wildbahn älter als 12 Jahre. Interessant hiezu ist eine Studie aus Baden-Württemberg mit 80 markierten Rehen, welche zeigte, dass nur mehr 50% der Rehe älter als Einjährige und nur mehr etwas weniger als 10% älter als Fünfjährige waren. RAESFELD (1965) geht davon aus, dass das Durchschnittsalter der Böcke in Mitteleuropa wohl mit zwei Jahren anzunehmen sei. Wie im Klassiker «Über Rehe in einem steirischen Gebirgsrevier» nachzulesen ist, verschwanden zumindest in diesem Gebiet zahlreiche Tiere ab dem 8. und 9. Jahr. Allerdings ist nicht auszuschliessen, dass manch alter Bock auch nur «heimlich» wird. Denn woher kommen jene alten, zum Teil zurückgesetzten Recken, die in der Blattzeit doch noch zustehen?

Altersschätzung
Rehbock Grundsätzlich zu unterscheiden ist zwischen einer Altersansprache am lebenden Stück und einer Altersschätzung am erlegten Stück. Von einer exakten «Altersbestimmung» kann man beim Reh ausser am Kitz und am Jährling (oder bei Hornträgern wie Gams- und Steinwild) nicht sprechen, da – wie aus unzähligen Versuchen auch mit markierten Rehen bekannt – die Streuung der Altersmerkmale wie Zahnabrieb, Rosenstockmasse, Verknöcherung der Nasenscheidewand usw. doch erheblich sein kann. REIMOSER, ZANDL u. VÖLK (1991) berichten über einen Versuch, in dem 77 Testpersonen an 126 Unterkiefern von ein- bis achtjährigen markierten Rehen das Alter schätzten. Das tatsächliche Alter konnte in 48% der Fälle geschätzt werden. Jährlingskiefer wurden noch zu 79% richtig erkannt, Zweijährige nur mehr zu 48% sowie dreijährige und ältere Rehe nur mehr zu 30%.

Die noch immer zu hörende Meinung, Jährlinge hätten keine Rosen, ist falsch – und selten gibt es übrigens auch rosenlose, ältere Böcke. Ob ein Jährling Rosen hat, hängt weitgehend davon ab, ob er die Kitzspiesse verfegt und abgeworfen hat (ca. 50% der Jährlinge), oder ob die Kitzspiesse zum Jährlingsgeweih weiter wuchsen und dann rosenlos sind. Dieser Unterschied dürfte vom Setzzeitpunkt mitbestimmt werden.

Einige Altersmerkmale zur Altersschätzung am Rehbock
- Gesamteindruck: Der Gesamteindruck ist noch eines der zuverlässigsten Altersmerkmale, wenn wir dabei berücksichtigen, dass es auch bei den Rehen gross- und kleinrahmige Typen gibt. Zum Gesamteindruck zählt neben dem Körperbau (junge sind hochläufiger, schmäler und kürzer) auch das Verhalten, der Zeitpunkt des Verfärbens und Verfegens sowie Merkmale am Haupt. Häufig sieht man gerne aber nur jene Merkmale, die auf ein höheres Alter hinweisen und «übersieht» Zeichen der Jugend.

- Gesichtsmaske, -färbung und -ausdruck: Hat der Jährling noch ein schmales, hochstirniges und «buntes» (dreifärbiges) Haupt, so wirkt das Haupt mit zunehmendem Alter breiter und kürzer, der Windfang wird breiter. Ein alter Bock kann «grantig» wirken und vor den Lichtern liegen deutliche «Voraugengruben». Der «Muffelfleck» (sehr unzuverlässig) fehlt i.d.R. beim Jährling oder ist undeutlich, deutlich bei Zwei- bis Dreijährigen, und soll dann zunehmend in Richtung Stirn und Lichter verfliessen – er scheint insgesamt aber recht individuell zu sein. Noch unzuverlässiger sind eine «Brille», die schon bei Jünglingen auftreten kann oder die Stirnlocken.

- Zeitpunkt des Verfärbens: Von vielen Autoren wird der Zeitpunkt des Verfärbens als sehr unzuverlässiges Merkmal beschrieben. Jährlinge sind zwar Ende Mai meist schon rot und haben noch nicht verfegt – körperlich schwache oder stark «verwurmte» sind aber oft Mitte Juni noch eselgrau. Bei mehrjährigen Böcken hängt das Verfärben weniger vom Alter, sondern vielmehr davon ab, ob sie ein starkes Geweih oder ein schwächeres geschoben haben. Böcke mit starken Geweihen verfärben – recht altersunabhängig – später, wie auch führende Geissen später verfärben. Der Zeitpunkt des Verfärbens ist zudem stark witterungs- und klimaabhängig, in hohen und in schattigen Lagen verfärben Rehe später.

- Zeitpunkt des Verfegens: Jährlinge verfegen um ein bis zwei Monate später als mehrjährige Böcke und meist erst nach dem Haarwechsel. Bei den Zweijährigen gibt es einzelne Ausnahmen, i.d.R. fegen sie jedoch zeitgleich mit den älteren Böcken. Der alte Spruch «Jung verfärbt zuerst, alt fegt zuerst» trifft eigentlich nur auf die Unterscheidung zwischen ein- und mehrjäh- rigen Böcken zu und ist für eine Unterscheidung von mehrjährigen in junge, mittelalte und alte Böcke ein sehr unzuverlässiges Merkmal. Starke, territoriale Böcke verfegen im März und verfärben im Juni, dies aber recht altersunabhängig.

- Zeitpunkt des Abwerfens: Die meisten Jährlinge werfen erst ab Mitte Dezember ab und wirklich alte Böcke bereits Ende September bis Mitte Oktober, wobei es auch bei diesem Merkmal grosse Variationen gibt.

- Verhalten: Im Mai sind Jährlinge noch neugierig und unaufmerksam, mit dem Zunehmen der Einstandskämpfe werden sie aber ängstlicher; alte Böcke sind vorsichtig und misstrauisch – man verzeihe diese «Vermenschlichung». Das intensivste Revierverhalten mit Markieren und Plätzen zeigen zwei- bis vierjährige Böcke, ältere werden «heimlicher». Aber auch ein geprügelter Jährling kann vermeintlich heimlich und eigentlich ängstlich den Einstandsrand entlang «schleichen», also Vorsicht!

- Trägerstärke: Die Trägerstärke nimmt mit dem Alter zu, es können aber auch körperlich starke Jährlinge bereits einen sehr starken Träger haben. Überalte Böcke haben wieder einen schwächeren Träger und die Decke am Träger kann sich beim Abwinkeln in Falten legen.

- Rosen: Dachrosen sind kein Alterskriterium, sie können sogar bei Jährlingen vorkommen. Ein recht gutes Altersmerkmal ist aber die Stellung der Rosen und der Rosenstöcke.

- Rosenstöcke: Die Stellung der Rosenstöcke ist bei Jährlingen oft leicht zusammenlaufend, bei jungen und mittelalten Böcken gerade und kann bei älteren Böcken, allein schon durch das Schädelwachstum und die veränderte Wölbung des Schädels, auseinander gehen – der Schädel wächst in die Breite. Die Höhe der Rosenstöcke nimmt durch das jährliche Abwerfen mit dem Alter ab, wobei es aber durchaus 5- bis 6-jährige Rehböcke gibt, die noch relativ hohe Rosenstöcke haben.

Altersschätzung Rehgeiss
Ist schon das Ansprechen des Rehbockes nach dem Jährlingsalter sehr schwierig, ergeben sich bei Geissen noch weniger Anhaltspunkte für eine Altersschätzung. Ein Fehler im Ansprechen kann aber fatal enden, wenn eine schwache führende Geiss in hoher Vegetation als vermeintliche Schmalgeiss angesprochen wird. Schmalgeissen sind im Mai noch recht leicht an ihrem «schmalen», kurzen und hochläufigen Körperbau, dem noch kurzen und spitzen Haupt mit «kindlichem» Gesichtsausdruck sowie dem gegenüber inne habenden oder führenden Geissen i.d.R. deutlich früheren Verfärben anzusprechen. Der Zeitpunkt des Verfärbens einer Geiss ist wie bei den Böcken einerseits witterungsabhängig und bei Geissen zusätzlich auch noch davon, ob sie führt oder nicht. Ältere Geissen kurz vor dem Setzen sind an der durchhängenden Bauchlinie, dem runden, kastenförmigen Körperbau und eher bedächtigen Bewegungen zu erkennen. Noch einige Zeit nach dem Setzen haben Geissen eine dreieckige Einsenkung in den Flanken, zudem sind sie dann am Gesäuge anzusprechen. Alte Geissen sind «kantig», die Hüfthöcker können sich deutlich abheben, das Brustbein ragt deutlich am Vorschlag hervor, das Haupt kann ähnlich «trocken» werden wie bei einem alten Rottier, der Träger wird mager und die Lauscher wirken oft «esel-ähnlich». Auch das Verhalten ist misstrauischer und vorsichtiger, überhaupt dann, wenn ihr schon mehrmals die Kitze weggeschossen wurden. Überalte, körperlich schwache Geissen können bei raschem Ansprechen durchaus wieder mit Schmalgeissen verwechselt werden, eigenartigerweise haben sie oft auch einen ähnlichen Gesichtsausdruck.

Wie eingangs erwähnt, sind «Ausnahmen» bei den Altersmerkmalen des Rehwildes doch recht häufig und noch schwieriger als im Frühjahr und Sommer gestaltet sich das Ansprechen der Rehe im Herbst und Winter …