Der Roi du Doubs stirbt

Jun 07 13:51 2012 Pro Natura

Pro Natura, der Schweizerische Fischerei-Verband und der WWF Schweiz werfen der Schweiz und Frankreich vor, tatenlos dem Aussterben des Roi du Doubs zuzuschauen. Aufgrund ihrer Klage vom Juni 2011 beim Europarat auf Verletzung der Berner Konvention, mussten die Staaten Schweiz und Frankreich Berichte über die getroffenen Massnahmen zum Überleben des geschützten und vom Aussterben bedrohten Fisches liefern. Das Büro der Berner Konvention hat entschieden, dass die Massnahmen beider Staaten nicht genügen und eine Verletzung der Berner
Konvention vorliegen könnte. Das definitive Urteil wird im Herbst 2012 erwartet.

Der Apron im Doubs, auch Roi du Doubs genannt, ist vom Aussterben bedroht. Die Klage, die Pro Natura, der Schweizerische Fischerei-Verband und der WWF Schweiz am 21. Juni 2011 eingereicht haben, wurde angenommen. Das bedeutet, dass die Verantwortlichen der Berner Konvention eine Verletzung des Artschutzabkommens durch die Schweiz und Frankreich als möglich erachten. Das Dossier wird nun dem Europarat zur weiteren Bearbeitung übergeben. Dieser wird im Herbst darüber befinden, ob die Schweiz ihre Verpflichtungen zur Erhaltung dieser hoch gefährdeten Art verletzt hat.

Studien statt Taten
Die Klage der Verbände hatte zur Folge, dass die Schweizer Regierung einen vom Bund in Zusammenarbeit mit den Kantonen Jura und Neuenburg verfassten Bericht zum Doubs vorlegen musste. Dessen Inhalt ist symptomatisch für die passive Haltung der Behörden: Er zeigt keine konkreten Revitalisierungsmassnahmen für den Lebensraum des Aprons auf, sondern schlägt lediglich Untersuchungen vor, die bereits durchgeführt wurden. Jetzt braucht es aber Taten statt viele Worte, denn die Probleme sind längst bekannt: massive Beeinträchtigungen des Lebensraumes durch die Wasserkraftnutzung, Verschmutzung der Sedimente, Beeinträchtigung der physikalisch-chemischen Wasserqualität und Einschränkung der ökologischen Durchgängigkeit des Flusses durch unüberwindbare Hindernisse. Die NGOs wehren sich seit Jahren erfolglos gegen die abwartende Haltung der Behörden. «Die starken Wasserstandsschwankungen, verursacht durch das Wasserkraftwerk Le Châtelot, müssen endlich aufhören», fordert Thomas Ammann, Fischexperte des WWF Schweiz.

Den Teufel mit dem Beelzebub austreiben
Noch immer plant die Schweiz weitere Studien, statt die nötigen Schritte einzuleiten, um die Probleme endlich zu lösen: Sanierung der ungenügenden Kläranlagen, akkumulierte Sedimente hinter den Stauwehren, Unterbindung der täglichen künstlichen Pegelschwankungen des Flusses und konkrete Massnahmen zur Senkung des Schadstoffeintrags aus der Landwirtschaft. Ausserdem herrschen im Doubs schlechte Bedingungen für die Wanderung der Fische. Die Behörden wollen die Fischdurchgängigkeit aber erst beim Bau neuer Wasserkraftwerke verbessern. Lucienne Merguin Rossé, Spezialistin für den Doubs bei Pro Natura, sagt: «Dieser Entscheid ist zynisch, denn gerade die Wasserkraftwerke sind ja einer der Hauptgründe für das Sterben der Fische im Doubs.»

Die Organisationen rufen die Behörden erneut dazu auf, sofort mit den nötigen Sanierungen zur Rettung des Doubs-Ökosystems zu beginnen. Die Zeit drängt, denn unter den jetzigen Bedingungen wird der Apron bald aussterben.!Dass beim Doubs jetzt rasch gehandelt werden muss, zeigen auch Fischsterben bei anderen Arten. So hat der Bund erst jüngst über eine Pilzerkrankung berichtet, der zu einer höheren Sterberate bei Äschen und Forellen führt. Diese Pilzerkrankung ist für die Fische ein zusätzlicher Bedrohungsfaktor in einem Lebensraum, der ohnehin unter starken Wasserstandschwankungen leidet.

 


 

BAFU, Medienmitteilung von Ende Mai 2012:
Fischsterben im Doubs verursacht durch neu eingeschleppten Erreger

Der Krankheitserreger, der bei den Fischbeständen in Doubs, Loue und Sorne eine um sich greifende Mykose hervorruft, gehört zu einem einzigen Stamm. Wahrscheinlich ist er durch menschliches Zutun in die Gewässer gelangt. Zu diesem Schluss kommt die Universität Neuenburg, die vom Bundesamt für Umwelt BAFU mit der Untersuchung dieses Organismus beauftragt wurde.

Seit 2009 ist im französisch-schweizerischen Grenzabschnitt des Doubs und in der Loue (Frankreich) regelmässig ein Fischsterben zu beobachten, das vorwiegend Forellen und Äschen betrifft. 2011 trat das gleiche Phänomen auch in der Sorne auf, einem schweizerischen Fluss im Einzugsgebiet des Rheins und ohne jede Verbindung zum Doubs. Die Fische leiden unter starkem Befall mit einem Erreger, der zur Gruppe Saprolegnia parasitica gehört. Bis heute wurden drei anfällige Fischarten identifiziert: Forelle, Äsche und Schmerle. 2011 erteilte das BAFU dem Labor für Bodenbiologie der Universität Neuenburg den Auftrag, den virulenten Stamm zu untersuchen und dessen Herkunft zu klären.

Mit molekularbiologischen Methoden konnten die Forscher zwei verschiedene Populationen von Saprolegnia nachweisen. Die erste scheint wenig virulent zu sein, und aufgrund ihrer genetischen Variabilität könnte es sich um eine seit längerem ansässige Population handeln. Die zweite lässt sich dem hoch virulenten Stamm Saprolegnia parasitica zuordnen. In den drei untersuchten Flüssen waren alle kranken Fische mit dem gleichen Stamm von Saprolegnia parasitica infiziert. Dies deutet darauf hin, dass der Erreger eine klonale Population bildet, das heisst aus ein und demselben Klon hervorgegangen ist. Somit spricht einiges dafür, dass dieser Stamm in jüngerer Zeit in die Gewässer eingeschleppt wurde.

Der Ursprung der Kontamination ist schwer zu ermitteln. Viele Übertragungswege kommen in Betracht. Der Erreger könnte über Fischerstiefel, Wanderschuhe oder ein Kanu oder sonst wie durch menschliches Zutun (z. B. Verwendung lebender Köderfische, Einschleppung exotischer Arten, landwirtschaftliche Tätigkeiten) in die Gewässer gelangt sein. Lassaâd Belbahri, Experte für solche Organismen und Leiter der Studie, schliesst nicht aus, dass der Krankheitserreger bereits geschwächte oder gestresste Fische befällt: «Die Gattung Saprolegnia umfasst sowohl opportunistische Erreger, die üblicherweise kaum virulent sind, es jedoch bei geschwächten Fischen werden können, als auch sehr virulente Arten.» Möglich sei auch, dass die in Doubs, Loue und Sorne vorkommende Saprolegnia sich infolge von Umweltveränderungen oder aus unbekannten anderen Gründen in eine aggressive Form verwandelt habe.

Seit 2012 werden Fische mit gleichen Symptomen wie die Fische im Doubs in weiteren schweizerischen (Areuse, Birs) und französischen Fliessgewässern (Ain, Bienne) beobachtet, wobei Saprolegnia parasitica bislang nicht nachgewiesen ist. Um der Verbreitung des Erregers vorzubeugen, empfehlen die Fischereibehörden, Angelausrüstungen und anderes Material, das mit den kontaminierten Gewässern in Berührung gekommen ist, zu desinfizieren. Zudem hat die internationale Kommission für die Fischerei im Grenzabschnitt des Doubs ein Moratorium für den Äschenfang in den Jahren 2012-2013 verhängt. Das Moratorium wurde auf den jurassischen Abschnitt des Doubs ausgedehnt. Diese Massnahmen sollen bewirken, dass der von Saprolegnia stark betroffene Äschenbestand sich erholt.

Die Forschungsergebnisse der Universität Neuenburg werden in die Arbeiten und Überlegungen der französisch-schweizerischen Arbeitsgruppe «Wasserqualität» des Doubs einbezogen, die hierbei eng mit der internationalen Kommission für die Fischerei im Grenzabschnitt des Doubs zusammenarbeitet.