Polytepalum radians - eine Pflanze, die von Strahlung lebt?

Sep 02 16:11 2015 Naturhistorisches Museum Bern
 Pflanzen  Wissenschaft

Ein Mitarbeiter des Naturhistorischen Museums der Burgergemeinde Bern hat beim Käfersammeln im Stadtgebiet nebenbei eine bemerkenswerte Entdeckung gemacht, augrund derer womöglich biologische Lehrbücher umgeschrieben werden müssen. Er hat eine Pflanze entdeckt, die sich womöglich von elektromagnetischer Strahlung ernährt.

Dem Hobbybotaniker ist unweit einer Mobilfunkantenne mit grosser Sendeleistung eine bisher unbekannte Pflanze aufgefallen. «Es handelt sich auf den ersten Blick um ein unscheinbares Nelkengewächs», sagt Beat Fischer, Biologe und Kurator am Botanischen Garten der Universität Bern, der von seinem Kollegen beigezogen wurde. Auch der Spezialist für Nelkengewächse konnte die Pflanze nicht einordnen. «Sehr schnell war klar, dass es sich nicht um eine einheimische Art handelt. Ich dachte zuerst an Polytepalum angolese, die bisher aber nur in Angola gefunden worden ist.» Bei der näheren Untersuchung stellte sich aber heraus, dass die Pflanze in der Wissenschaft bisher nicht bekannt war. Fischer und sein Team gehen nach ersten Abklärungen davon aus, dass mit einiger Wahrscheinlichkeit eine Mutation vorliegt. Es wäre das erste dokumentierte Beispiel für eine mutierte Pflanze im Umfeld einer Mobilfunkantenne.

Erstaunliche Anpassungen
Die Pflanze scheint die Eigenschaften der nichtionisierenden Strahlung (NIS) zu ihrem Vorteil zu nutzen und hat im direkten Einflussbereich der Mobilfunktstrahlung offenbar eine neue ökologische Nische gefunden. «Das wäre allerdings interessant», sagt Herbert Achermann dazu, Spezialist für NIS am Bundesamt für Umwelt (BAFU). «Obwohl die Auswirkungen von Mobilfunkstrahlung auf lebende Organismen noch nicht abschliessend geklärt sind, weiss man aus Experimenten, dass beispielsweise Beeinflussung der menschlichen Gehirnaktivität, Verhaltensänderungen bei Tieren oder physiologische Veränderungen in Zellkulturen vorkommen.» Eine englische Studie kommt zum Schluss, dass die elektromagnetische Strahlung von Handys, aber auch von Sendemasten hormonelle Vorgänge im Körper beeinflussen kann. Laut den Botanikern der Uni Bern könnten die auffällig vergrösserten und zur Antenne hin ausgerichteten Stengelblätter ein Hinweis darauf sein, dass die Pflanze sich angepasst hat, um elektromagnetische Wellen dirket nutzen zu können. Sie wäre demnach nicht mehr ausschliesslich von Photosynthese abhängig, sondern könnte sich auch von elektromagnetischer Strahlung ernähren. Eine solche Umsetzung von Strahlenenergie in ein biochemisches System wurde zwar noch nie beobachtet, wäre aber nicht per se unplausibel - schliesslich handelt es sich auch bei sichtbarem Licht um elektromagnetische Strahlung, einfach in einem anderen Frequenzspektrum. «Da tut sich ein gänzlich neues pflanzenphysiologisches Feld auf», meint Fischer, «allerdings gibt es noch viel Forschungsbedarf, um zu klären, wie die Energie von Handystrahlung biochemisch umgesetzt werden kann. Da sind wir momentan noch auf Spekulationen angewiesen».

Laien sollen bei der Suche helfen
Dazu kommt, dass durch die Strahlung in der Nähe der Masten Wärme entsteht. Die Pflanze wäre demnach also bestens an den Klimawandel angepasst. Eine weitere spannende Fragestellung für die Forscher - Fischer will auf jeden Fall versuchen, ein grösseres Forschungsprogramm für die neuartige Pflanze ins Leben zu rufen. «Als erstes wollen wir mit vereinten Kräften abklären, ob die Art auch an anderen Handyantennen vorkommt», sagt Fischer - eine aufwändige Sache, gibt es in der Schweiz doch über 15'000 Mobilfunkantennen. Fischer hofft, dass bei der Suche auch interessierte Laien mithelfen werden, er will baldmöglichst ein entsprechendes Citizien-Science-Projekt lancieren, mit Schulungen und einer Webseite, auf der potentielle Funde geolokalisiert erfasst und in der Folge ovn den Experten nachgeprüft werden können. Gleichzeitig will Fischer Forschungspartner gewinnen, die anhand von Laborexperimenten untersuchen, wie sich die Pflanze physiologisch an die Strahlung angepasst hat und wie sich eventuell biochemische Prozesse auf molekularer Ebene verändert haben.


Anfang September hat im Naturhistorischen Museum der Burgergemeinde Bern die zweite Ausgabe des Mad Scientist Festivals stattgefunden. Sie war geprägt von Beiträgen, die an ethischen Fragen und Pietätsgrenzen gerüttelt haben. Etwa mit einer Installation, in der Schaben mit dem Smartphone gesteuert wurden, und einem Spinnenvortrag, der von einem Bondagekünstler begleitet wurde. Das Festival hat einmal mehr gezeigt: Wissenschaft kann so schön und aufregend sein, wenn sie sich nicht Riten und Direktiven zu unterwerfen braucht.

Eines vorweg: Es gibt keine Pflanze, die sich von elektromagnetischer Strahlung ernährt. Im Vorfeld hat sich das Mad Scientist Festival nämlich einen kleinen Scherz erlaubt: Es setzte die Nachricht in die Welt, dass ein Mitarbeiter des Naturhistorischen Museums eine Pflanze entdeckt habe, die sich womöglich von elektromagnetischer Strahlung ernähre (vgl. Text oben). Der Botanische Garten und das Naturhistorische Museum liessen sich für die Aktion einspannen, was beiden naturwissenschaftlichen Institutionen doch etwas Mut abforderte - dafür bedankt sich das Mad Scientist Festival. Die Erfindung von Arten ist quasi schon eine grenzwissenschaftliche Tradition, man denke an Christian Morgensterns Nasobëm oder an den Wolpertinger. Nur fehlte es bisher an fiktiven Pflanzen. Polytepalum radians, das kleine Nelkengewächs, angeblich neben einer Handyantenne gefunden, wollte diese Lücke schliessen. Am Festival wurde aufgelöst, dass es sich bei der vermeintlichen Wunderpflanze leider nur um unser Hirngespinst gehandelt hat. Sollte für einmal nicht die Handystrahlung, sondern unser zartes Pflänzchen auf den Redaktionen die Gemüter erhitzt haben, entschuldigen wir uns dafür.

Schaben als Roboter, Heuschrecken als Snack
Der Festivalabend bot wie im vergangenen Jahr wieder ein unkonventionelles Wissenschaftsspektakel auf diversen im ganzen Museum verteilten Bühnen. Dazu kamen dieses Jahr eine Reihe von installativen Arbeiten, die die Zuschauer zu Beteiligten machten. Es wurde rege, zum Teil auch emotional mitdiskutiert, zum Beispiel in Till Wyler von Ballmoos' bitterböser Kakerlaken-Installation, wo mit Neuromodulen versehene Schaben als ferngesteuerte Flüchtlinge hinhalten mussten - ein bewusst gewählter ethischer Grenzfall, der bereits im Vorfeld für emotionale Stellungnahmen von Tierschützern gesorgt hatte. Aber auch bei den Köchinnen Gosie Vervloessem (heimische und fremde Mikroben) und Andrea Staudacher (Heuschrecken) wurde ebenso viel diskutiert wie probiert. Währenddessen sorgte das abwechslungsreiche Programm auf den Bühnen zwischen Konzert, Tanz und wissenschaftlichen Vorträgen immer wieder für übervolle Säle. Das Festival verzeichnete einen schönen Zuschauerzuwachs - über 400 Besucher fanden dieses Mal den Weg ins Naturhistorische Museum.

Urknall-Diskussionen im Nachtclub
Das Mad Scientist Festival ist einen Koproduktion von sciencetc. und dem Naturhistorischen Museum der Burgergemeinde Bern. Dieses Jahr fand das Festival in enger Zusammenarbeit mit dem Musikfestival (Thema «Urknall») statt und war Teil der Jubiläumstorunee «Forschung live» zum 200jährigen Bestehen der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz (SCNAT). Das Festival ging bis zum 13. September weiter mit einem Begleitprogramm im Club Bonsoir, wo es eine Gesprächsreihe rund um den Urknall, Late-Night-Konzerte und eine wissenschaftliche Spielwiese mit Experimenten zum Selberprobieren gab.